Freitag, 4. Februar 2011

Über den Sinn des Lebens

Was bedeutet es, dass Du lebst? 

Zum einen bedeutet Dein Leben, dass sich zwei Menschen zusammengefunden haben: Vereinigung, und zwar auf zwei Ebenen. Erstens auf der rein biologisch-materiellen Ebene, auf der sich eine Zelle aus dem Körper Deines Vaters mit einer Zelle aus dem Körper Deiner Mutter zusammengetan, also vereinigt hat, um etwas Neues hervorzubringen. Zweitens aber auch auf einer höheren Ebene, auf der sich beide Menschen emotional oder "geistig" (dies ist nicht zwangsläufig religiös zu verstehen) zusammengetan, also vereinigt haben, um überhaupt die biologische Vereinigung hervorzubringen.

Zum anderen bedeutet es gleichzeitig, dass jeder der beiden Menschen, die sich zusammengefunden haben, etwas von sich ab- oder aufgegeben hat: Verzicht, und zwar wieder auf zwei Ebenen. Erstens auf der rein biologisch-materiellen Ebene, auf der jeder der beiden Menschen auf je eine Zelle aus ihrem Körper verzichtet haben, um die Vereinigung dieser beiden Zellen zu ermöglichen. Auf der höheren Ebene wiederum, dass durch das Zusammentun jeder der beiden Menschen auf bestimmte andere Dinge verzichtet hat, um diese gemeinsame Verbindung zu ermöglichen. Anders formuliert: Jeder hat auf die Grenze seines eigenen Ich verzichtet, um sich dem anderen gegenüber öffnen zu können.

Und zum dritten bedeutet es nun auch, dass jeder der beiden Menschen, die sich vereinigt und auf etwas verzichtet haben, ihr Leben in den Dienst eines anderen Lebens gestellt haben: Verantwortung, und auch da wieder auf zweierlei Weise. Einerseits rein biologisch-materiell, indem beispielsweise die Mutter per Nabelschnur dafür sorgt, dass das Kind in ihr nicht verhungert. Der Vater hat es da, zugegeben, etwas schwerer, er kann nur "über Bande" diese Verantwortung tragen, indem er dafür sorgt, dass die Mutter ausreichend Nahrung erhält, die sie an das Kind in ihr weitergeben kann. Dann aber auch wieder auf der höheren Ebene, indem sich beide Menschen dazu entschließen, diesem Kind das zukommen zu lassen, was es braucht. Oder wortwörtlicher: Indem sie stellvertretend für das Kind auf die Fragen des Lebens antworten, solange es das noch nicht selbst kann, das Kind also ver-antworten.

Was bedeutet Dein Leben also? Vereingung, Verzicht und Verantwortung. Das sind alles Aspekte dessen, was man gemeinhin als "Liebe" bezeichnet.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Zum Wunderglauben

Ein Wunder ist ein Phänomen, das die Größe und Herrlichkeit Gottes herausstreicht. Auf welche Art und Weise dies geschieht, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass der dahinterstehende und -wirkende logos erkannt wird, der Sinn, den dieses Phänomen hat; der spezifische technische Ablauf ist eigentlich egal. Wenn die Hebräer in der leeren Wüste auf einmal einem Schwarm Wachteln begegnen, durch den sie ihren Hunger stillen können, dann ist es vollkommen egal, ob die Wachteln durch bestimmte Naturgegebenheiten eine Alternativroute für ihren jährlichen Vogelzug gewählt haben oder ob es sich dabei nur um einen verirrten Schwarm eines größeren Wachtelverbands handelte oder ob der Herr hier urplötzlich Vögel aus dem Nichts herbeigezaubert hat. Zum Wunder wird die Begebenheit dadurch, dass das Wirken Gottes - der für sein herumwanderndes Volk sorgt - erkannt wird. Und das ist eine theologisch-philosophische, keine naturwissenschaftliche Fragestellung.

Ein Wunder muss verstanden werden (hermeneutischer Zugang) - wie man es erklärt (analytischer Zugang), ist zweitrangig.

Gewiss: Nach diesem Ansatz ließe sich in allem ein Wunder sehen. Deshalb sind Christen so lebensfroh: Ihnen begegnen tagtäglich Wunder.

Die Ansicht, der Wachtelschwarm wäre nur dann ein Wunder, wenn man eben nachweisen könnte, dass er aus dem Nichts kam, ist in meinen Augen ein sehr naiver, ein sehr beschränkter Wunderbegriff: Er baut in letzter Konsequenz auf einem Weltbild auf, das zumindest in der Nähe historisch-materialistischer Modernisierungskonzepte steht. Wenn ein Wunder nicht mehr theologisch definiert wird, sondern zu einer naturwissenschaftlichen Kategorie, die all das umfasst, was nicht experimentell bewiesen werden kann, dann kommen wir ganz schnell zu einem vulgären Religionsbegriff, der eine daran angepasste Religionskritik nach sich zieht. Ganz zu schweigen von den Problemen, die wir mit den anderen Geisteswissenschaften bekommen: Fast alle Ergebnisse der Geschichtswissenschaft beispielsweise wären unter diesem Gesichtspunkt nämlich als Wunder zu verbuchen.

Dienstag, 23. November 2010

Compromittierende Diskursbeobachtungen: Disputative Dialektik und eristische Extravaganzen

Wer mit dem Stallgeruch des Glaubens behaftet ist, der wird - gerade im Internet - über kurz oder lang in Situationen kommen, in denen ihm nur die Niederlage oder aber eine unterlegene Position bleibt. 

Freitag, 12. November 2010

Epistemologische Extravaganzen

Jede Wissenschaft ist Geschichtswissenschaft, insofern sie das Faktische zu ihrem Forschungsgegenstand erhebt.

Die Quellen eines Naturwissenschaftlers unterscheiden sich nicht prinzipiell von denen eines Historikers.

Wissenschaft wird erst durch ein bestimmtes Paradigma, vermittels dessen Brille die entsprechenden Quellen ausgewertet werden, zur Naturwissenschaft.

Naturwissenschaftliche Quellenkritik bedeutet experimentelle Wiederholung.

Das naturwissenschaftliche Paradigma postuliert eine vernünftig nachvollziehbare ontologische Ebene des Regelhaften, die sich im Faktischen zeige.

Diese ontologische Ebene des Regelhaften wird mit dem Wort "Naturgesetze" umschrieben.

Diese ontologische Ebene wird als gegeben hingenommen. Sie kann nicht aus dem naturwissenschaftlichen Paradigma selbst abgeleitet werden, da sie seine wesentliche (in beiderlei Wortsinn) Prämisse darstellt.

Diese ontologische Prämisse kann vernünftig begründet werden. Die Begründung ist philosophischer oder theologischer, kurz: ontologischer Art.

Wo sie nicht vernünftig begründet wird, da ist sie willkürlich gesetzt.

Wo sie geleugnet wird, kann nicht naturwissenschaftlich gearbeitet werden.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Atheismus mal drei

Ein Baum kann sich nicht selbst hervorbringen. Ein Mensch kann sich nicht selbst hervorbringen. Ein Windstoß kann sich nicht selbst hervorbringen. Sie alle brauchen einen Ursprung außerhalb ihrer selbst, da sie alle den Regeln der Natur, d.h. der Gesamtheit der sinnlich fassbaren und beobachtbaren Welt, unterworfen sind.

Nun stellt sich die Frage: Ist die Natur ihren eigenen Regeln unterworfen? Gelten die Regeln, die innerhalb der Gesamtheit der sinnlich fassbaren und beobachtbaren Welt nachvollzogen werden können, auch für die Gesamtheit der sinnlich fassbaren und beobachtbaren Welt selbst?

Montag, 14. Juni 2010

Zum Monismus

Ausgangspunkt ist, wenn wir auf monistischem Boden stehen, die Vielheit des relativen Ich: alles ist letztlich Schein, deshalb gibt es kein absolutes Ich, sondern das Ich kann nur relativ sein, sprich: in Relation zu anderen Ichs existieren. Das Ziel ist die Einheit im Absoluten, die, wenn ich es recht verstanden habe, identisch mit der Beseitigung des relativen Ich ist. Der Weg dorthin ist die Erkenntnis. Diesen Weg gibt es nun dreifach, nicht aufgefasst als interpersoneller Prozess, sondern als einseitige individuelle Handlung des relativen Ich:

Sonntag, 28. März 2010

Politik und Ökonomie

(a) Politik ist die Regelung der Angelegenheiten, welche die polis betreffen, also das Gemeinwesen, das Öffentliche.


(b) Wirtschaft hingegen, oikonomia, ist die Regelung der Angelegenheiten, welche das Haus betreffen, also das Private. 

In beiden Sphären sollten sich idealerweise Verantwortung tragende Subjekte treffen, die sich auf einer Basis gegenseitiger Anerkennung als Subjekt begegnen und austauschen. Wo die eine Sphäre Einfluss auf die andere nimmt, da wird die Begegnung zwischen Subjekten eingeschränkt (wenn nicht ganz verhindert), da beide Sphären nach unterschiedlichen Regeln funktionieren. Mehr noch: Beide Sphären sind aufeinander angewiesen. Wo die Regelung der privaten Angelegenheiten defizitär verläuft, da nimmt auch die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten Schaden. Und wo die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten nicht mehr richtig funktioniert, da wird die Regelung der privaten Angelegenheiten beschädigt.

Donnerstag, 4. Februar 2010

100 Tage Schwarz-Gelb

Ich glaube, in die Wahrnehmung der neuen Bundesregierung spielt sehr viel Fundamentalopposition hinein. Die Koalition wurde in der (ver)öffentlich(t)en Meinung bereits vor der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags als handlungsunfähig gebrandmarkt, schon direkt nach der Wahl für regierungsunfähig erklärt. So wie Schröder die Deutschen durch die Konstruktion eines äußeren Feindes geeint hat, eint die schwarz-gelbe Koalition die Deutschen, indem sie als der innere Feind auftritt. Und das klappt doch hervorragend. Das Schöne ist zudem, dass für jeden Deutschen ein Hassobjekt dabei ist: der schwule Außenminister, der polnische Außenminister, die ostdeutsche Kanzlerin, die Pastorentochter, die ungläubige Naturwissenschaftlerin, der bayerische Kriegsminister, der adlige Kriegsminister, der Rollstuhlfahrer, der Rollstuhlfahrer mit dem schwarzen Koffer, der unsoziale Asiate im Gesundheitsamt, die islamophobe Tante im Familienministerium, usw. usf.

 

Ich selbst habe sieben Jahre Rot-Grün überstanden und war sogar stellenweise überrascht, wie vernünftig doch manche Ansätze waren. Insofern bin ich durchaus bereit, der neuen Regierung zumindest mal eine Chance zu geben und sie nicht schon nach einhundert Tagen abzuwatschen.

Sonntag, 1. November 2009

Warum Geschichte?

Weil die Geschichtswissenschaft die einzige Wissenschaft ist, die ihre Methoden auf sich selbst anwenden kann ("Geschichte der Geschichtswissenschaft"). Anders ausgedrückt: Sie ist die ultimative Wissenschaft, die Wissenschaft schlechthin. Alle anderen Disziplinen sind nur Hilfswissenschaften oder Paradigmen, durch deren Brille man die Geschichte betrachtet. Nach dem Verscheiden der alten Metaphysik (Ontologie), die die Wahrheit in der Geschichte gesucht hat, erhebt die Physik (Faktizitätswissenschaft) die Geschichte selbst zur Wahrheit.

Darauf aufbauend gilt dann: Männer machen Geschichte - nämlich diejenigen, die sie festhalten. Und da der Mensch ein geschichtliches Wesen ist, bedarf er ihrer Aufzeichnung. Nur so kann er für die Zukunft lernen. Leider kann man nur zu leicht zum Schluss gelangen, dass das einzige, was der Mensch aus der Geschichte lernen kann, das ist, nichts aus der Geschichte zu lernen. Aber dem muss ich widersprechen. Wenn man etwas aus der Geschichte lernt, dann ist das, welch mächtige Waffe sie darstellen kann. Ob nun zum Guten (Erkenntnisgewinn) oder zum Bösen (Verschleierung). 

Mittwoch, 12. August 2009

Was ist ein Atheist?

Mir ist durchaus bewusst, dass die Übergänge gerade vom Agnostizismus zum Atheismus vielfach als fließend betrachtet werden. Aber ich muss sagen, dass ich persönlich da ganz scharf trenne: Ein Agnostiker, der etwas auf sich hält, mithin also konsequent an die Sache geht, trifft keine Aussage über die Existenz des Inhalts irgendeiner Gottesvorstellung, da diese Frage für ihn vollkommen irrelevant ist. Er hält sich schlicht an die Fakten - und die sprechen für sich betrachtet weder für die eine noch für die andere Seite. Denn: Alles was darüber hinaus geht, fällt in die Domäne des Glaubens. Deshalb ist ein Atheist für mich auch niemand, der "keinen Glauben" hat (das ist nämlich der Agnostiker, der sich letztlich vor dem Glauben scheut und sich an das Beweisbare klammert, um nicht glauben zu müssen), sondern gerade der Atheist ist jemand, der einem bestimmten Glauben folgt - als Gegenstück des Theisten.