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Donnerstag, 10. Februar 2022

Lebensschutz: konservativ, liberal, sozialistisch

Weil der Lebensschutz im Sinne des whole life genuin vor-politisch ist, besteht eine inhaltliche Anschlussfähigkeit an jede der drei generischen Ideologien, die sich in der politischen Arena duellieren: Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus. 
Es kann bei aller Anschlussfähigkeit in dieser Sache jedoch kein do ut des geben - politische Ethik ist kein Kuhhandel. Lebensschutz ist etwas intrinsisch Gutes, keine bloße Verfügungsmasse oder gar "politisches Kapital", das im Sinne eines quid pro quo eingesetzt werden könnte. Strategisch muss deswegen ein über-parteilicher Konsens statt kompromittierender Parteinahme im Zentrum der Bemühungen stehen.

Wichtig sind vor diesem Hintergrund auch und gerade Argumentationspunkte, mit denen man der jeweiligen politischen Tradition innerhalb ihrer je eigenen Grenzen begegnen kann, um den Diskurs adäquat und gewinnbringend zu führen.

Um dazu vorweg ein Missverständnis auszuräumen: Die Einschätzung als konservativ, liberal oder sozialistisch beschreibt keine parteipolitische Einsortierung - zumindest nicht automatisch oder notwendigerweise. Tatsächlich gibt es gerade in Deutschland weder eine echte konservative noch eine echte liberale noch eine echte sozialistische Partei (zumindest keine, die oberhalb der lokalen Ebene eine Rolle spielen würde; und nein: die AfD ist keine konservative Partei), sondern das Parteienspektrum der Bundesrepublik gruppiert sich nach wie vor um die alten Sammlungsbewegungen von Christdemokratie, Freidemokratie und Sozialdemokratie, die die politische Mitte definieren und in je unterschiedlicher Ausprägung an allen generischen Ideologien Anteil haben. 

Es beschreibt den Kern des whole life-Ansatzes, sich nicht auf ein politisches Partisanentum einzulassen. Darum erscheint es lohnend, in einer Diskussion erst einmal zu prüfen, wo die Gesprächspartnerinnen realiter und inhaltlich stehen, bevor entsprechende Argumente vorgebracht werden. Überspitzt ausgedrückt: Ein Parteimitglied der Linken ist in Fragen der Lebensethik nicht automatisch sozialistisch, ebenso wie ein FDP-Mitglied hierbei nicht notwendig liberal ist. Umgekehrt muss auch ein religiös motivierter Lebensschützer nicht zwangsweise konservativ sein. Natürlich darf die organisatorische und parteipolitische Zugehörigkeit des Gegenübers nicht vollständig ausgeblendet werden. Doch zum gelingenden Austausch scheint es noch wichtiger, darauf zu achten, von welcher Tradition die konkrete Gesprächspartnerin zehrt und auf welche Grundwerte sie sich vornehmlich bezieht.

Das eine, universal überzeugende, in allen Situationen anerkannte und schlagkräftige Lebensschützer-Argument gibt es nämlich nicht.

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Der Mensch als Träger von Zielen: Grundwerte


Teil 1 -
 Politik: Ein ästhetisch-technisches Kontinuum
Teil 2 - Der Mensch als Träger von Mitteln: Normen
Teil 3 - Der Mensch als Träger von Zwecken: Werte


Bislang hat sich der Blick auf Normen und Werte im Bereich von Strukturmerkmalen aufgehalten, soll heißen: Es ging vorrangig um Sein und Sollen in, mit und aus der Perspektive der zwischenmenschlichen Gemeinschaft. Zugleich kommen gemeinschaftliche Werte nicht von einem leeren Raum einfach so ins Dasein, sondern sie bedürfen ihrerseits wiederum einer Begründung oder Grundlage: Auch wenn die Gemeinschaft, in der ein Mensch sich befindet, als Träger von Werten fungieren kann, so fußen diese Werte doch darauf, dass der Mensch sich in Gemeinschaft befindet. Dies führt folgerichtig zum Grund der Werte, oder eben: zu den Grundwerten.

Freitag, 16. November 2018

Nachtgedanken: Jens Spahn und der Konservatismus

Ja, ich erlebe Szenefunktionäre, die nun ihrerseits die eigene Realität für die einzig wahre halten. Aber da gibt es ein weiteres Paradox: Wir haben als CDU eigentlich den Kulturkampf gewonnen und merken es nicht. Heute kämpft eine eher linke Szene für die gute alte bürgerliche Ehe - und mancher bei uns sieht das als Bedrohung, anstatt sich darüber zu freuen. Wenn Schwule und Lesben sich rechtlich verbindlich dauerhaft binden wollen, leben sie genau die Werte, die uns wichtig sind. Das ist modern gedachtes Bürgertum.

Von einem rein wertgebundenen Konservatismus aus gedacht - in der Hierarchie aus: (a) Prinzipien [d.h. Gründe], (b) Grundwerte [d.h. Ziele], (c) Werte [d.h. Zwecke], sowie (d) Normen [d.h. Mittel] -, ergibt Spahns Position durchaus Sinn. Demnach ist die Ehe nämlich bloße Güter- und Rechtsgemeinschaft - oder in den Worten Martin Luthers: "Die Ehe ist ein äußerlich, weltlich Ding." Wenn nun nicht nur Heterosexuelle danach leben wollen, sondern auch Homosexuelle diese Werte teilen und praktizieren möchten, dann ist das - unter diesem Paradigma - durchaus stimmig; die Vertreter dieser Werte haben sich damit durchgesetzt.[*]

Dienstag, 8. April 2014

Ungarn? Ungern.

Warum der ungarischen Regierung mit tiefem Misstrauen begegnet werden sollte:

Die Rückkehr zur Stephanskrone.-- Dieser Bezug ist Ausdruck einer magyarischen Herrenvolkideologie, die bereits im späten Habsburgerreich virulent war (der Habsburger wurde entthront und durch einen "Reichsverweser" ersetzt) und das ungarische Volk nicht nur als Einheit unter der Krone sah/sieht, sondern auch über den anderen Völkern (des alten Habsburgerverbands). Es handelt sich hierbei um einen Traditionalismus, ergo Modernismus. Besonders interessant: Die Krone ist päpstliche Stiftung (daher der Titel "Apostolischer König", den der Ungar tragen durfte), Ungarn als Land deshalb päpstliches Beneficium. Die Krone ist kein Ausdruck von Volkssouveränität und kann folglich auch nicht vom Volk (oder einer vom Volk gewählten ungarischen Regierung) für sich reklamiert werden.

Die Definition der Ehe als Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau in der neuen Verfassung.-- Der Staat hat kein Recht und keine Kompetenz zu sagen, was die Ehe ist und was nicht. Das ist Aufgabe der Kirche als Verwalterin der Sakramente. Der Staat kann lediglich geschlossene Ehen anerkennen sowie privatrechtliche Verträge sanktionieren, die eheähnliche Gütergemeinschaften konstituieren. Diese Übernahme kirchlicher Kompetenz durch den Staat ist ein Modernismus, der sich - in diesem konkreten Fall - als Traditionalismus präsentiert.

Die Zweidrittelmehrheit im Parlament.-- Alleine schon diese gewaltige demokratische Mehrheit muss massive Skepsis hervorrufen (bei Papst Franziskus reicht ja weitaus weniger Zuspruch für weitaus mehr Missfallen; und Angela Merkel hat die absolute Mehrheit nur knapp verpasst ohne dass ihre Politik dadurch Begeisterungsstürme auslösen würde) - da muss ein Haken sein, das kann nicht kosher sein, wenn fast alle es gut finden. Es muss gefragt werden: Warum kann Orban die tumbe Masse für sich begeistern? Und warum sollte gerade das ungarische Volk so vertrauenswürdig in seinem Votum sein? Gerade bei letzterer Frage besteht schließlich die Gefahr, in eine völkische Argumentation zu schlittern und sich der schon erwähnten magyarischen Herrenvolkideologie anzuschließen, demnach die Ungarn halt wissen, was das beste für alle ist. Wo hier gegenüber der demokratischen Mehrheit die Skepsis beiseitegeschoben wird, folgt man ganz offen dem Modernismus des Demokratismus.

Politische Ethik ist kein quid pro quo, kein Kuhhandel: Nur weil ein Akteur einem möglichen eigenen Modernismus nahekommt, rechtfertigt das keinen anderen Modernismus. Das ist letztlich dieselbe Masche, die den (vermeintlichen) Konservatismus gegenüber dem Nationalsozialismus geöffnet hat. Das Mutterkreuz rechtfertigt jedoch nicht das Hakenkreuz, ebensowenig wie Obamas Politik Begeisterung verdient hat, weil er Osama zur Strecke gebracht hat.

Montag, 31. März 2014

Kulturfaschismus ist Häresie

"Natur und Geschichte sind die weitesten Begriffe, unter denen der menschliche Geist die Welt der Erscheinungen begreift."[1] Mit dieser Feststellung leitete Johann Gustav Droysen, ein Gründervater der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, in der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Vorlesung über die Methodik seiner Disziplin ein. Natur und Geschichte - es sind dies zwei Begriffe, die bis zum heutigen Tage ein Paar bilden, wenngleich in etwas anderer Nuancierung als zu den Zeiten des preußischen Historikers: Waren beide Begriffe für Droysen dadurch verbunden, dass die Natur das Nebeneinander des Seienden, die Geschichte das Nacheinander des Gewordenen umfasse, so liegt der Fokus in der heutigen Zeit eher auf dem Gegensatz, der durch das Begriffspaar Natur-Kultur ausgedrückt wird: Die Natur umfasse all das, was nicht vom Menschen stammt, während die Kultur jene Sphäre der Erscheinungen darstellt, die der Mensch hervorgebracht hat, hervorbringt und hervorbringen wird. Auch dies findet sich bei Droysen - und mit ihm auch bei allen nachfolgenden Denkern, die eine Differenzierung zwischen Naturwissenschaften einerseits und Geistes-, Sozial- oder Kulturwissenschaften andererseits vollziehen.

Mittwoch, 23. Januar 2008

[Rezension] Matthias Matussek, Wir Deutschen

Matussek, Matthias: Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können, Frankfurt a.M. 2006.

"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" - dieses Zitat des deutschen Schriftstellers Bertold Brecht begegnet dem Leser recht häufig in Matthias Matusseks Traktat über ein neues deutsches Nationalgefühl. Er verwendet es jedoch nicht im Sinne des Urhebers oder gar dessen Nachfolger, die es als mahnende Warnung immer dann präsentieren, wenn irgendwo aus deutschem Munde das Wort "Nation" erschallt. Im Gegenteil: Er setzt es mit einem Unterton der Häme, der beißenden Ironie, des stechenden Zynismus ein. Er, der einst selbst in jenen Gefilden, die in seinem Buch unter der Bezeichnung "68er" firmieren, lebte, nachdem er der "Hölle" seines bürgerlichen Elternhauses entkommen war. Freilich, er benutzt diesen Ausdruck sarkastisch, im Kontext des Lobliedes auf seine Familie und gerade den Vater, der genau das verkörperte, was Matussek unter einem Bildungsbürger präsentiert. Überhaupt ist sein Werk von einem recht lockeren, einem informellen Umgangston geprägt, der pointiert seine Gegner aufs Korn nimmt. Seine Gegner, das sind: die "68er" (die ihm heute Post mit jenem Brecht-Zitat zusenden) sowie - die Briten.

 

Und hier liegt die größte Schwachstelle. Es mag in den ersten Kapiteln noch erheiternd wirken, wenn Matussek - man möchte fast sagen: mit deutscher Gründlichkeit - durch einen gewissen Humor Eigenarten der Briten, gerade in Hinblick auf ihre Sicht der Deutschen, herausstellt und karikiert. Doch die anfängliche Lässigkeit gewinnt mit zunehmender Seitenzahl deutlich an Biss und Schärfe, so dass es dem Leser stellenweise vorkommt, als wolle der Autor ein neues deutsches Nationalgefühl nicht durch die Hoch-Achtung vor der deutschen Kultur beleben, sondern durch die Ver-Achtung der britischen.

 

Hier liegt sogleich der zweite wunde Punkt des Traktats: Zwar schildert Matussek die deutsche Kultur als eine strahlende Hochburg des Schönen, und man merkt, dass es gerade Heinrich Heine ist, der ihn zutiefst in seinen Bann zieht. Aber als eine Kulturnation sieht er die deutsche dennoch nicht. Gerade mit Blick auf die Seitenhiebe gegen Großbritannien wird man den Gedanken nicht los, es gehe ihm lediglich um eine Staatsnation, zu der die Bundesrepublik Deutschland endlich werden solle. Dafür spricht ebenfalls, dass Österreich als elementarer Teil deutscher Kultur (zumindest bis 1866) komplett ausgeklammert wird – mit der Ausnahme Mozarts, den er natürlich als, nach eigener Aussage, "Deutschen" präsentiert, obwohl es gerade im Alten Reich keine Unterscheidung zwischen "österreichisch" und "deutsch" gab, sondern das eine als ein Teil des anderen gesehen wurde. Matussek bewegt sich, historisch und politisch gesehen, hauptsächlich in der Nähe Preußens. Er steht, viel mehr noch, in der Tradition der kleindeutschen Revolutionäre, die im 19. Jahrhundert die Einigung der deutschen Fürstentümer anstrebten.

 

Gewiss, man muss es ihm hoch anrechnen, dass er dennoch in der ersten Hälfte seines Werkes einige Leistungen deutscher Kultur nennt und damit mit dem populären Paradigma bricht, alles vor Hitler wäre nur die Straße zur Machtergreifung gewesen - gerade mit Blick auf seine eigene, marxistische Vergangenheit, die mit solcherlei teleologischem Geschichtsverständnis nur allzu vertraut ist. Er spricht damit jenen "Neu-Konservativen" aus dem Munde, die sich gerade gegen Ende der Ägide Rot-Grün erhoben, und lässt sogar selbst einen, seinen idealen Konservativen eine Rede an das deutsche Volk halten, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er rechnet mit dem seinerzeit beliebtesten Politiker, Außenminister a.D. Joschka Fischer, ab, der Auschwitz als den "Grundstein" Deutschlands bezeichnete und konstatierte, die deutsche Seele sei "zerstört" und wir alle "tief traumatisiert". Stellenweise schimmert, gerade in der Rede des idealen Konservativen, sogar so etwas wie die Hoffnung auf mehr Freiheit durch. Doch ein Liberaler ist Matussek nicht. Dazu fehlt beispielsweise der Verweis auf die teutsche libertet, die im Alten Reich (hauptsächlich von den Fürsten) zu den Vorzügen der hiesigen Kultur gezählt wurde und die man allzu gerne gegen die spanische servitud, also Bestrebungen zur Zentralisierung respektive Einheit unter der Kaiserkrone, abgrenzte.

 

Das führt schließlich zur dritten Schwachstelle des Traktates: dem Sinn und Zweck der Darstellung. Der Klappentext nennt das Werk eine "Ehrenrettung", gar eine "Liebeserklärung an Deutschland". Und als solche fungiert es auch, in der ersten Hälfte, einwandfrei. Der Blick wird erweitert, weg von Hitler, dem vermeintlichen Zentrum deutscher Geschichte, hin zur vermeintlichen Peripherie, die in der öffentlichen Aufmerksamkeit ein Dasein am Rande des Darbens zu fristen scheint. Matussek beschreibt dem Leser ein Deutschland fernab von Nationalsozialismus und Weltkrieg und ist damit gerade für diejenigen interessant, die am aktuellen Schulkanon die Schwerpunktlegung auf ebenjene zwölf Jahre kritisieren. Tatsächlich aber geht das Buch darüber hinaus. Indem er erklärt, "was Patriotismus mit der Wirtschaftskraft eines Landes zu tun hat" (so die Überschrift eines Kapitels), zeigt er das Ziel, das er verfolgt: Von einer simplen Beschreibung dessen, was man an Deutschland lieben kann, wandelt sich das Werk in eine politisch motivierte Schrift, welche die marxistische Klasse als Heimstätte des Menschen gegen die Nation tauscht. Freilich, es ist kein plumper Nationalismus, der vermeintliche Klassengegensätze durch nationale Kollektivierung zu beseitigen sucht. Doch sein zwischen den Zeilen zu erkennender Aufruf an die nationale Verantwortlichkeit der Unternehmer und die Prämisse "Wir müssen sehen, dass es dem Land gut geht, damit es uns selber gut geht" verraten seinen beschworenen Patriotismus als subtiles Mittel zur politischen Mehrheitsbeschaffung, das zudem noch den Staat als Verkörperung des Deutschen und der (klein-)deutschen Kultur sieht. Alles in allem ist die "unverklemmte Identifikation mit der eigenen Nation", die er fordert, daher ein Aufruf zu neuer Staatsgläubigkeit - nur unter anderen Vorzeichen.

 

Peter Sloterdijk, mit dem er, neben anderen, in seinem Buch spricht, meint: "Man sollte vielleicht begreifen, dass das deutsche Parteiensystem seit bald 25 Jahren den Wählern die Auswahl zwischen vier Spielarten von Sozialdemokratie anbietet". Matussek positioniert sich mit diesem Buch ziemlich genau dort, wo sich die neuen "Konservativen" um Bundeskanzler Angela Merkel scharen: Es ist eine patriotische Sozialdemokratie.

Dienstag, 15. November 2005

Ein kurzes Profil des Neokonservatismus

Neokonservative sind im Kern links, da sie für all das eintreten, für das einmal die klassische Linke eingetreten ist: 

Freiheit, Demokratie, Menschenrechte.