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Mittwoch, 1. September 2021

Wann beginnt menschliches Leben?

In der Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens - bisweilen auch "Hominisation", "Anthropogenese" oder "Menschwerdung" genannt - lassen sich im Groben zwei Betrachtungsweisen voneinander unterscheiden, auch wenn so eine Unterscheidung aus paläo- wie kulturanthropologischer Sicht mit guten Gründen kritisiert werden kann.

Zum einen steht der anatomisch moderne Mensch: Stammesgeschichtlich existierte der letzte gemeinsame Vorfahre zwischen der Entwicklungslinie, die zur einzig rezenten Art innerhalb der Familie der hominini (homo sapiens) führte, und der Entwicklungslinie, die zu rezenten Schimpansen und Bonobos führte, vor etwa 6 bis 7 Millionen Jahren. Der älteste fossile Beleg für die Species homo sapiens ist wiederum etwa 300.000 Jahre alt. 

Zum anderen steht der soziokulturell moderne Mensch: Ur- und frühgeschichtlich kann der Beginn der "Altsteinzeit" (Paläolithikum; ein Name, der letztlich mehr über das Erkenntnispotenzial der entsprechenden Wissenschaften verrät denn über die Zeit selbst) vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren angesetzt werden; hier beginnt innerhalb derjenigen Entwicklungslinie, die zur rezenten Species homo sapiens führte, die Herstellung einfacher Werkzeuge aus Stein (in Kontrast zur bloßen Nutzung bestimmter Gegenstände als Werkzeuge). Das Jungpaläolithikum wird vor etwa 40.000 Jahren zeitgleich mit der Einwanderung des homo sapiens nach Europa angesetzt; um diese Zeit herum lässt sich in dieser Species erstmals Kunst in einem modernen Sinne nachweisen, insofern Höhlenmalereien und kleinere Artefakte erhalten sind. In ganz groben Strichen lässt sich schließlich zeitgleich mit dem Beginn des Holozän nach der letzten Kaltzeit vor etwa 12.000 Jahren auch (z.B. im Rahmen der Vorderasiatischen Archäologie) der Anfang einer menschlichen Kulturgeschichte im engeren Sinne ansetzen, die ein nach modernen Maßstäben "geschichtliches" Sozialverhalten kennt.

Soll also heißen: Innerhalb dieses Zeitraums - von vor etwa 6 bis 7 Millionen Jahren bis vor etwa 12.000 Jahren - beginnt irgendwann das menschliche Leben. Eine konkrete Antwort auf diese Frage ist natürlich immer auch abhängig davon, welche Gattungen und Arten aus der biologischen Familie der hominini die Fragestellerin unter dem weltanschaulichen Begriff "Mensch" subsumieren möchte und welche Kriterien zur Einhegung des Begriffs "Mensch" (Anatomie oder Sozialverhalten, Technik oder Kunst, etc.) verwendet werden sollen. 

Allerdings beschreibt eine paläo- und kultur-anthropologische Perspektive ja nicht alles; und meist ist die Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens auch ganz anders gemeint: Fast immer geht es den Fragestellerinnen nämlich um die Frage, wann ein Mensch als Individuum existenziell ins Dasein tritt. 

Montag, 9. April 2018

Die Wissenschaftlichkeit der Theologie

Die Naturwissenschaften sind seit geraumer Zeit nicht mehr nur in der Welt des Meters, des Kilogramms und der Sekunde unterwegs, sondern sie gehen über diesen menschlichen Mesokosmos (das zwischen dem ganz Großen und dem ganz Kleinen) hinaus, nämlich hinein in den Mikrokosmos (das ganz Kleine) sowie in den Makrokosmos (das ganz Große). Wo die menschlichen Sinnesorgane zu grob (Mikrokosmos) oder zu fein (Makrokosmos) für diese Maßstäbe sind, da entzieht sich der Gegenstand der unmittelbaren menschlichen Anschauung, und es werden handwerkliche Hilfsmittel eingesetzt, um diese Sachverhalte in den menschlichen Mesokosmos zu übersetzen: So wird gewissermaßen das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Diese Übersetzungen geschehen vermittels formal geregelter Vorgehensweise, die auf eine saubere, nachvollziehbare und folgerichtige Darstellung zielt; so können es andere Leute zu anderer Zeit an anderem Ort auch verstehen. Als Bestandteil dieser sauberen, nachvollziehbaren und folgerichtigen Darstellung werden künstliche Sachverhalte unter formal geregelten Bedingungen erzeugt, die im Idealfall von anderen Leuten zu anderer Zeit an anderem Ort wiederholt werden können. Klappt so eine Wiederholung nicht oder zeigt sich die Darstellung anderweitig nicht als nachvollziehbar oder folgerichtig, so muss nachgebessert werden.

Zum Fach "Theologie"

Dass Theologie vornehmlich bekenntnisgebunden studiert und gelehrt wird, stellt in der Tat eine - sowohl historisch als auch durchaus systematisch bedingte - Eigenart dieses Faches dar. Die Unterscheidung zwischen katholischer, protestantischer, orthodoxer oder gar jüdischer (Jüdische Studien) und islamischer (Islamwissenschaft) Theologie ist einerseits schärfer als z.B. zwischen "orthodoxer" (neo-klassische Synthese) und "heterodoxer" (Marxismus, Österreichische Schule, ...) Wirtschaftswissenschaft oder zwischen newtonscher und einsteinscher Physik, andererseits aber nicht so scharf wie z.B. zwischen Soziologie und Sozialgeschichte oder Ethnologie und Archäologie. Die Bekenntnisgebundenheit der Theologie markiert damit mehr als nur Denkschulen, aber doch weniger als separate Fächer. Im Sinne der akademischen Pluralität scheint mir so eine dritte Ebene problemlos tolerabel.

Sonntag, 14. Januar 2018

Theologie und Wissenschaft

Von Zeit zur Zeit erreichen mich Artikel wie dieser hier, die sich kritisch mit der Wissenschaftlichkeit der Theologie auseinandersetzen. Es geht mir hier nun um die Evaluierung von drei konkreten Punkten, die zwar im Herzen der vorgebrachten Argumentation stehen, aber eher ungenau präsentiert werden.


Mittwoch, 20. Dezember 2017

Zum Unterschied der Wissenschaften

Der Unterschied zwischen den Naturwissenschaften (NW) und den Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften (GGKW) ergibt sich nicht aus dem Erkenntnis-objekt, sondern aus dem jeweiligen Erkenntnis-interesse. Der Übergang vom Subjektiven ins Objektive und/oder umgekehrt ist bei den einen nicht früher oder später als bei den anderen. Es verhält sich lediglich so, dass in den NW bestimmte Dinge als selbstverständlich vorausgesetzt und als gegeben angenommen werden, die man in den GGKW gerade hinterfragt.

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Zur naiven Bibelexegese

Man sollte zunächst einmal unterscheiden zwischen der wörtlichen Lesart, wie sie am Beispiel der christlichen Tradition bereits vor dem Aufkommen des Fundamentalismus praktiziert wurde (z.B. im Rahmen des vierfachen Schriftsinns), und der ... ich nenne sie mal "wortwörtlichen" Lesart, wie sie im Fahrwasser des Fundamentalismus ab dem 19. Jahrhundert heutzutage auch ganz gerne von Glaubens-, Kirchen- und Religionskritikern praktiziert wird. Da gibt es durchaus erhebliche Unterschiede, nicht zuletzt weil letztere Lesart eben schlicht naiv ist. So hat z.B. Augustinus von Hippo eine Schrift über das wörtliche Lesen des Buches Genesis verfasst (De Genesi ad litteram) - dies kann mit der Brille des Fundamentalismus aber nur schwer als "wortwörtliche" Lesart verstanden werden. Eben weil es keine naive Lesart beschreibt.

Hier liegt also ein erstes Missverständnis: Wörtliche Lesart und fundamentalistisch-naive Lesart sind nicht dasselbe. Zur Verdeutlichung vielleicht ein Beispiel:

Donnerstag, 21. Juli 2016

Samstag, 16. Januar 2016

Libertärer Ikonoklasmus: Die Österreichische Schule der Nationalökonomie

Man sollte wohl differenzieren zwischen Ökonomie/Wirtschaft, Markt und Kapitalismus. Es gibt Schnittmengen, zweifellos, aber man darf das nicht durcheinanderwerfen. Um eine Zielscheibe aufzustellen, die gerne beschossen werden darf:




  • Ökonomie / Wirtschaft ist je nach Ansatzpunkt entweder funktional begriffen soziales Handeln unter dem Aspekt der Knappheit materieller Güter, oder essentiell begriffen die (rationale) Allokation materieller Güter - und zwar ganz unabhängig von der Frage nach der konkreten inhaltlichen Ausgestaltung (Markt oder Plan? Verkehrs- oder Zentralverwaltungswirtschaft?). 
  • Der Markt wiederum ist eine konkrete Ausformung des o.g. sozialen Handelns unter dem Aspekt der Knappheit materieller Güter bzw. der o.g. (rationalen) Allokation materieller Güter; namentlich eine solche Ausformung, bei der die Wirtschaftssubjekte (Akteure, Handelnden) die entsprechenden Prozesse in eigener Verantwortung bzw. Verantwortlichkeit gestalten und vollziehen. Demgegenüber stehen konkrete Ausformungen, in denen die Akteure die entsprechenden Prozesse nicht eigenverantwortlich gestalten oder vollziehen - und doch handelt es sich auch bei ihnen um Teilmengen von Wirtschaft bzw. Ökonomie. 
  • Kapitalismus schließlich kann beides und das Gegenteil von beidem sein. In der anglophonen Welt fast synonym zu Marktwirtschaft, versteht man den Begriff im deutschsprachigen Raum (maßgeblich geprägt durch Karl Marx und Anhang) eher im Sinne politischer Ökonomie, politischer Ideologie, Machtausübung o.ä. Am neutralsten wäre vielleicht noch ein Verständnis von Kapitalismus als Form von Wirtschaft bzw. Ökonomie, in der die Kapitaleigner (und als Kapital kann theoretisch auch die Arbeitskraft des Proletariers gelten) im Zentrum stehen.

Dienstag, 8. Dezember 2015

"Orthodoxe" und "heterodoxe" Ökonomik

Es scheint in der Tat ein Problem innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zu geben - und vieles scheint daran zu liegen, dass "der Ökonom" gerade in gesellschaftlicher Perspektive zu einem gewissen Ruf gelangt ist, den früher z.B. "der Soziologe" hatte (vor der kulturwissenschaftlichen Wende, wie man sagen muss). Namentlich den Ruf als vertrauenswürdigen Sozialingenieur, der weiß, wie die Mechanismen funktionieren. Und während die Soziologen sich zu kulturwissenschaftlichen Schöngeistern gemausert haben, scheint der Ökonom archetypisch als Betriebswirtschaftler zu existieren. Allerdings ist das ein wissenschafts-soziologisches bzw. wissenschafts-politisches Problem, und kein wissenschafts-theoretisches.

Dienstag, 14. April 2015

Glaube und Wissenschaft

Ohne religiösen Glauben keine Wissenschaft - das kann man so pauschal sagen, und es zeigt sich sehr schön anhand der Wissenschaftsgeschichte. Die intelligible Welt entspringt dem Glauben an eine nach-denkbare Schöpfung, die von ihrem Schöpfer vor-gedacht wurde, die fides quaerens intellectum zieht sich durch die letzten 2000 Jahre: Die empirischen Methoden verdanken wir u.a. dem Franziskaner Bacon, "Ockhams Rasiermesser" wurde gar direkt nach einem mittelalterlichen Mönch benannt, von den jesuitischen Astronomen ist meist nur negativ die Rede (wahrscheinlich weil sie Galilei im Experiment widerlegten), und mit Jean Picard (Berechnung des Erdumfangs), Francesco Grimaldi (Diffraktion des Lichtes) oder Gregor Mendel (Vererbungslehre) haben wir gar katholische Priester als Pioniere bestimmter Forschungsrichtungen, ebenso wie Georges Lemaître, der die von ihm entwickelte "Urknall-Theorie" (eigentlich ein Spottname der Verfechter der mittlerweile überholten "Steady State"-Hypothese) gar gegen Albert Einstein verteidigen musste. Und das ist mal nur eine ganz kleine Auswahl aus der katholischen Seite, von der protestantischen Tradition haben wir hierbei noch gar nicht gesprochen.

Dienstag, 3. Februar 2015

Antijudaismus und Antisemitismus

Der vormoderne Antijudaismus gründete in christlichen Vorstellungen von Heilsgeschichte, und die Feindschaft zu den Juden zog ihre Selbstlegitimation aus explizit religiösen Argumenten (Töten des Messias, Hostienschändung, Ritualmord, generelle Ungläubigkeit, ...). Gegen diesen religiösen "Obskurantismus" trat der moderne Antisemitismus ins Feld (z.B. durch Gründung der Antisemitenliga 1879 in Berlin) - und er begründete seine Feindschaft dem eigenen Anspruch nach rational, d.h. wissenschaftlich. Deshalb wurde das religiöse "Judaismus/Jude" durch das (vermeintlich?) wissenschaftlich (kulturwissenschaftlich, ethnologisch, biologisch) greifbare "Semitismus/Semit" ersetzt, das aus der Philologie stammt.

Sonntag, 14. September 2014

Kreuz, Auferstehung und Historiographie

Gegen die Theorie, Jesus sei gar nicht gestorben, sondern nur betäubt gewesen, spricht die römische Kreuzigungspraxis: Ein Soldat, der es zulässt, dass ein verurteilter Rebell, ein Staatsfeind, der Hinrichtung entgeht, macht sich des Hochverrats schuldig. Man kann nach allem, was man so historisch herausgefunden hat, davon ausgehen, dass ein Hingerichteter auch wirklich tot war, wenn die Römer ihn hingerichtet haben. Gerade auch dann, wenn es sich um die brutalste Hinrichtungsmethode im Arsenal handelte. Wer das im Falle Jesu bezweifelt, muss mindestens erklären, welches Motiv die beteiligte römische Soldateska gehabt haben soll, gerade diesen Staatsfeind am Leben zu lassen.

Normalerweise kommt darauf der logische Einwand, dass er dann halt nicht gekreuzigt wurde: Keine Kreuzigung, kein Hochverrat der Soldateska. Das zieht allerdings wiederum die Frage nach sich, warum er dann nicht von den Juden als Messias anerkannt wurde (und wird): Schließlich war es das Ausschlusskriterium für einen Messiasprätendenten, wenn er von den Feinden Israels besiegt und/oder getötet wurde. Bar Kochba beispielsweise wurde von den eigenen Leuten umgebracht, als klar war, dass die Römer siegen würden. Ohne Kreuzigung kein Sieg der Feinde Israels, und das heißt, dass dieser Jesus wohl der Messias sein kann. Warum anerkennen bzw. anerkannten das die Juden der Zeitenwende nicht? Warum haben sie lieber behauptet, dass die Jünger dieses Prätendenten den Leichnam geklaut und versteckt hätten? Und warum haben die Zeitgenossen des Paulus es nicht ausgeschlachtet, dass der niemals gekreuzigte Jesus so gar nicht zu dem Christus passt, den er verkündet ? Da stehen wir jetzt vor der Entscheidung: Wollen wir vernünftig darüber reden, also handfeste Argumente betrachten? Oder wollen wir lediglich Vermutungen anstellen?

Donnerstag, 4. September 2014

Jesus mit Humboldt verstehen

In Jesus können wir die mechanischen, physiologischen und psychologischen Kräfte wirken sehen.

Soll heißen: In Jesus finden wir ganz grundlegend die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse, die man im Menschen physikalisch, chemisch und biologisch erforschen und nachvollziehen kann; und das sind ebenjene mechanischen und physiologischen Kräfte, von denen Humboldt in seiner Abhandlung "Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers" spricht. Jesus aß, er trank, er hatte Stoffwechsel, ging zur Toilette, seine Haare und Fingernägel wuchsen, er blutete bei entsprechender Verletzung, usw. In Jesus finden wir auch all diejenigen geistigen, denkerischen, "seelischen", eben psychologischen Prozesse, die sich geistes-, sozial- oder kulturwissenschaftlich erforschen und nachvollziehen lassen. Er hatte Bedürfnisse, wollte essen und trinken, traf Entscheidungen, hatte Angst, hat sich gefreut, war wütend, hat willentlich und wissentlich mit anderen Menschen interagiert, geredet und gepredigt, diskutiert und verkündet usw.

Diese mechanischen, physiologischen und psychologischen Kräfte sind jedoch für sich genommen nicht befriedigend, sie können für sich genommen nichts erklären und wir können sie für sich genommen nicht begreifen. Es nutzt uns in Bezug auf Jesus nichts, wenn wir wissen, dass er aß und trank, es nutzt uns auch nichts, wenn wir wissen, wie oft er aufs Klo ging oder wie schnell seine Haare im Monat gewachsen sind.

Was wir, v.a. wenn wir es mit anderen Menschen zu tun haben, wissen wollen, ist ein gewisses "Warum":

Samstag, 30. August 2014

Zum "Deus est" in den Wissenschaften

Gerade "wissenschaftliches Streben" bedarf eines Anfangs im Denken, und jedwede wissenschaftliche Untersuchung muss gewisse Dinge schlichtweg voraussetzen. Darum muss jeder Wissenschaftler - ob er nun will oder nicht - an einem gewissen Punkt immer sagen: Deus est, denn irgendwo braucht seine Methode einen un-bedingten Ausgangspunkt. Gäbe es ihn nicht, könnte er die Methode nicht anwenden. Ob dieser unbedingte Ausganspunkt im wissenschaftlichen Denken nun deckungsgleich ist oder dasselbe meint wie der unbedingte Ausgangspunkt, den das Christentum (oder das Judentum oder der Islam oder eine andere Religion) für die gesamte Welt behauptet, ist damit freilich nicht gesagt. Doch strukturelle Gemeinsamkeiten gibt es durchaus.

Freitag, 22. August 2014

Zu Hayden White und dem Verständnis der Schrift

Klar: Wenn man von vorn herein (den/einen) "Gott" ausschließt, dann kommt er nicht in der Bibel vor. Dann muss man freilich anderweitige Erklärungen und Begründungen finden - und in der Regel findet man sie auch. Ob das zugehörige Narrativ in sich stimmig ist ... das bliebe freilich zu diskutieren.

"Die Bibel sollte als das angesehen werden, was sie ist: eine von vielen Schriften der Menschheit."

Katholischerseits kann dem voll und ganz zugestimmt werden. Problematisch wird es in der weltanschaulich-philosophischen Diskussion erst dann, wenn man verlangt, die Bibel ausschließlich so anzusehen. Aber das wird sonst eigentlich von keinem Text verlangt: Jeder Text, den man konkret betrachtet, über den man sich speziell austauscht, wird aus den "vielen Schriften der Menschheit" herausgehoben - und die Gründe dafür mögen vielschichtig sein und von Text zu Text variieren, wie auch von den vorausgehenden Werturteilen des jeweiligen Diskutanten abhängen.

Freitag, 1. August 2014

Was ist Theologie?

When you've seen beyond yourself then you may find
Peace of mind is waiting there
And the time will come when you see we're all one
And life flows on within you and without you ...

... heißt es in George Harrisons Lied "Within you without" von der Beatles-LP "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". Das Einheitsmotiv ist virulent in vielen Weltanschauungen, Ideologien, Religionen, Philosophien, ebenso wie der Blick beyond yourself, jenseits des eigenen Ichs, jenseits der eigenen Individualität.

Dienstag, 8. Juli 2014

Zur Theorie der Evolution

Das grundlegende Problem in der Debatte um die Evolution besteht nicht so sehr im Gegenüber von Schöpfung und Evolution - geschweige denn im ständig beschworenen angeblichen Kampf zwischen "Glaube und Wissenschaft" -, sondern viel mehr in der Frage, wie und in welchem Licht die Welt betrachtet wird.

Wenn die Welt kontingent, oder mehr noch: ihrem Wesen nach Kontingenz ist, so ändert sie sich, weil es ihrem Wesen entspricht. Unter dieser Voraussetzung kann der Wandel, kann Veränderung in der Welt aus den Dingen der Welt, also aus dem, was zur Welt gehört, selbst erklärt und beschrieben werden; es bedarf hier keiner äußeren Ursache oder eines Ursprungs, der außerhalb der Welt läge. Wenn die Welt Kontingenz ist, dann stellt der Naturalismus eine, wenn nicht sogar die einzig adäquate Methode bereit, ihre inneren Abläufe zu beschreiben. Eine Weltanschauung, sei sie nun philosophischen, theologischen oder religiösen Ursprungs, die die Welt als Kontingenz betrachtet, kommt daher um den Naturalismus nicht umhin. Andererseits gilt auch: Insofern Wissenschaft den Naturalismus verficht, muss sie sich der Frage nach der Kontingenz der Welt stellen. Ist die Welt also Kontingenz?

Montag, 31. März 2014

Kulturfaschismus ist Häresie

"Natur und Geschichte sind die weitesten Begriffe, unter denen der menschliche Geist die Welt der Erscheinungen begreift."[1] Mit dieser Feststellung leitete Johann Gustav Droysen, ein Gründervater der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, in der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Vorlesung über die Methodik seiner Disziplin ein. Natur und Geschichte - es sind dies zwei Begriffe, die bis zum heutigen Tage ein Paar bilden, wenngleich in etwas anderer Nuancierung als zu den Zeiten des preußischen Historikers: Waren beide Begriffe für Droysen dadurch verbunden, dass die Natur das Nebeneinander des Seienden, die Geschichte das Nacheinander des Gewordenen umfasse, so liegt der Fokus in der heutigen Zeit eher auf dem Gegensatz, der durch das Begriffspaar Natur-Kultur ausgedrückt wird: Die Natur umfasse all das, was nicht vom Menschen stammt, während die Kultur jene Sphäre der Erscheinungen darstellt, die der Mensch hervorgebracht hat, hervorbringt und hervorbringen wird. Auch dies findet sich bei Droysen - und mit ihm auch bei allen nachfolgenden Denkern, die eine Differenzierung zwischen Naturwissenschaften einerseits und Geistes-, Sozial- oder Kulturwissenschaften andererseits vollziehen.

Montag, 26. August 2013

Weltbilder natürlich erklärt

Den heliozentrischen Kosmos zum Proto-Atheismus zu stilisieren ist nichts als fromme Legende. Auch im Heliozentrismus bewegen sich die Körper (zunächst) nicht selbst, sondern die Sphären; die Differenz zum Geozentrismus besteht lediglich in der Anordnung der Sphären. Erst mit der Einführung des Äthers bewegen sich dann die Körper selbst.

Aber die heliozentrische Wende lässt sich ja durchaus auch sozialgeschichtlich erklären:

Sonntag, 28. Oktober 2012

Der Werwolf ist nackt

Auch wenn fragliche Stellungnahme bereits knapp anderthalb Jahre zurückliegt und von vielen höchstwahrscheinlich gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, empfinde ich es dennoch als an der Zeit, einmal zum größten Knackpunkt in dieser Chose selbst Stellung zu beziehen. Schließlich ist diese Art des Argumentationsganges nicht nur dem hier verlinkten Autoren vorbehalten, sondern sie erfreut sich gerade auch außerhalb der Internet-Diskussion(en) großer Beliebtheit.