Donnerstag, 3. Dezember 2015

Zum sog. "dritten Weg"

Ein "dritter Weg" im Zuge der Wiedervereinigung wäre mittel- bis langfristig nicht lebensfähig gewesen, da er in letzter Konsequenz den (gerne als Begriff gebrauchten) "Sonderweg" zementiert bzw. gepflegt hätte. Ein als komplett neuer Staat wiedervereinigtes Deutschland hätte sich in der veränderten weltpolitischen Lage vollständig neu orientieren müssen - mit der Hypothek einer faktisch abgebrochenen europäischen Integration. Genau so eine selbstgewählte Isolation war jedoch maßgeblich für den Prozess verantwortlich, an dessen Ende die deutsche Teilung stand.

Es ist notwendig für ein gesamtdeutsches Gemeinwesen, die drei Dimensionen des "Deutschseins" in sich zu tragen: kleindeutsch-preußisch, "großdeutsch"-europäisch, "Trias" der Mittelstaaten. Die Bundesrepublik hat alle drei Elemente in einem sinnvollen Verhältnis zueinander verwirklicht. Das wäre bei einem "dritten Weg" (v.a. mit dem Anspruch, "zwischen West und Ost" zu stehen und "weder Kommunismus noch Kapitalismus" zu praktizieren) nicht (mehr so) gegeben gewesen, sondern hätte wohl eher ein Wiederaufleben von Schaukelpolitik und Autarkiebestrebungen bedeutet.

Montag, 30. November 2015

Zur deutschen Identität

Es gibt einen Dualismus zwischen dem katholischen und österreichischen, durch und durch übernationalen Süd- und Westdeutschland (Rheinland) einerseits und dem protestantischen und preußischen, durch und durch kleinlich-nationalen Nord- und Ostdeutschland (Elbland) andererseits: Die alte Bundesrepublik war rheinisch dominiert, neben dem amerikanischen Einfluss gab es da freilich noch die französischen Nachbarn (und die grundlegende politische Spannung bestand zwischen Atlantikern und Gaullisten/Kontinentalisten, sowohl außen- als auch kulturpolitisch); die Ostzone hingegen umfasste die (alt-)preußischen Kernlande (Mark Brandenburg) plus das alte Königreich Sachsen und die beiden Großherzogtümer Mecklenburg (wo noch bis 1918 aus dem Kabinett heraus regiert wurde) - Hochburgen des ostelbischen Junkertums, dessen Mentalität natürlich nicht von jetzt auf nachher verschwand.

Sonntag, 15. November 2015

Libertärer Ikonoklasmus: Die "Klimadebatte"

"Werte" sind für den Ökonomen überwiegend quantifizierbare Zuschreibungen gegenüber materiellen Gütern; für den Soziologen hingegen z.B. eher (klassisch-weberianisch) der Inhalt einer urteilenden Stellungnahme, dessen Gültigkeit durchgesetzt werden soll. Der policy maker andererseits kann darunter alles und dessen Gegenteil verstehen, in der Praxis ist das meist irgendetwas im groben Bereich von Tugenden. Diese Unterschiede gilt es im Bewusstsein zu haben, wenn man über den Klimawandel diskutiert und dabei berücksichtigen will, "dass es eben nicht nur um Zahlen, sondern auch um Werte geht".[*]

Dienstag, 6. Oktober 2015

Kulturbedeutung und Fluchtproblematik

Es stimmt zweifellos, dass im Nahen und Mittleren Osten ein immenses gesellschaftliches Ungleichgewicht besteht, bei dem absoluter Reichtum (mitunter höher als bei uns) direkt an nackte Armut grenzt - in Europa ist der Wohlstand insofern gleichmäßiger verteilt, was darauf schließen lässt, dass mehr Menschen an den zugehörigen Prozessen teilhaben. Und hier kommt die Kulturbedeutung der Religion ins Spiel:

Es scheint klar, dass die Region (aus unserer "westlichen" Sichtweise) mittel- bis langfristig eine ökonomische Perspektive braucht, die der unseren zumindest ähnlich ist. Die Frage ist dabei eben, wie das passieren soll und wie "wir" daran mitwirken können. Dass "wir" politisch, wirtschaftlich und zu einem gewissen Grad auch gesellschaftlich eingreifen können, setze ich voraus, ebenso den Anspruch, dass "wir" das tun sollten.

Sonntag, 27. September 2015

Ist der Nationalismus die "vierte Ideologie"?

Es scheint, dass der Nationalismus neben dem Konservatismus, dem Liberalismus und dem Sozialismus die "vierte Ideologie" darstellt: Moderne Staatlichkeit bedeutet typischerweise Nationalstaatlichkeit, denn der Gedanke der Nation ist die ideelle Grundlage des modernen Staates. Als solche kann der Nationalismus gar als Grundstein der Moderne überhaupt bezeichnet werden. Darum ist der Nationalismus im wahrsten Sinne des Wortes moderne Ideologie.

Dienstag, 22. September 2015

Nationalismus und die deutsche Nation

Der Nationalismus ist als ideelle Grundlage des Nationalstaates zunächst einmal sehr eng mit der modernen Demokratie verknüpft, mit fraternité, égalité, liberté, oder auch den "48ern". Der Nationalismus kann so gesehen als der ideelle Grundstein der Moderne gesehen werden.

Probleme ergeben sich streng genommen erst in Folge, wenn es darum geht, was denn eigentlich die/eine Nation überhaupt ist oder sein soll. Denn es gibt drei große historische Traditionen, den Terminus "Nation" zu begreifen:

Samstag, 30. Mai 2015

Der "ungläubige" Thomas: Johannes 20

Der Jünger Thomas hat nicht nach Beweisen per se gefragt, sondern er wollte mehr als nur das Zeugnis seiner Apostelkollegen; kurzum: die kirchliche Verkündigung war ihm zu wenig. Darum wollte er den Auferstandenen mit eigenen Händen berühren. Wenn das - den Auferstandenen eigenhändig berühren wollen - als rationales Denken gilt, okay. Man darf natürlich nicht unterschlagen, dass Thomas am Ende sagt "Mein Herr und mein Gott". Gilt dies noch immer als rationales Denken?

Das Entscheidende ist zunächst nicht der Zweifel, den Thomas äußert, sondern es geht in der gesamten Episode um seinen Glauben, und damit auch beispielhaft um den Glauben schlechthin. Das "mein Herr und mein Gott" ist nicht irgendwie "angeklebt", sondern es ist das, was Thomas von Anfang an sagen will (Joh 20,25), so wie es seine Apostelkollegen tun. Da er jedoch nicht bei ihnen war, als der Auferstandene sie besucht hat, glaubt er ihnen nicht - sie vermitteln ihm nämlich etwas (für ihn) Unsichtbares. Welche Antwort erhält er nun aber gemäß biblischer Überlieferung?

Dienstag, 19. Mai 2015

"Völkermord in der Bibel": Numeri 31

Num 31,17-18:
Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben. Aber alle weiblichen Kinder und die Frauen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, laßt für euch am Leben!



Viele Kirchen-, Glaubens- und Religionskritiker meinen, dass neben ihrer eigenen koranistischen Interpretation dieser Passage keine andere Interpretation einen Platz habe, weil ihre eigene Interpretation den Text dadurch erschöpfend auslege, dass sie ganz naiv "Beweistexte" zitiert (sog. prooftexting). So eine naive Auslegung setzt jedoch voraus, diese Stelle a) für sich und ohne den unmittelbaren sowie dann auch ohne den größeren Zusammenhang zu lesen (so spricht in Num 31,17-18 nicht Gott in wörtlicher Rede, sondern Mose), sowie b) diese Stelle wörtlich in dem Sinne zu nehmen, als ob sie einen journalistischen Tatsachenbericht darstelle. Denn anders ergeben Aussagen wie jene, dass diese Passage "so widerlich und menschenverachtend [sei], wie sie da nun einmal steht und für was sie historisch leider steht", keinen Sinn. Ich gehe an dieser Stelle nicht darauf ein, wofür es "historisch leider steht", dass das Volk der Juden ein anderes Volk bekämpfe und ausbeute, sondern schlicht auf das Attribut "historisch": Darin liegt nämlich der springende Punkt. Den Text wörtlich zu lesen, heißt, ihn historisch zu lesen - denn der Literalsinn vermittelt die historia, die im Text liegt. Und das meint eben nicht irgendeine Tatsachenaufzählung (im weitesten Sinne gibt es dafür die Bezeichnung res gestae), sondern in erster Linie eine Ereigniserzählung - das ist ein subtil wirkender, aber sehr bedeutender Unterschied, der seit dem 18. Jahrhundert (seit der "Sattelzeit", wie man begriffs- und ideengeschichtlich gerne sagt) kaum mehr sprachlich wahrgenommen wird und so für Verwirrung sorgt. Kurzum: Diese naive Interpretation der Bibel ist eine moderne Interpretation, die den Text eben gerade nicht historisch, d.h. auch: nicht wörtlich (ad litteram) liest, sondern die wörtliche Sinnebene a-historisch zu etwas erhebt, das sie nicht ist.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Religion und Wahrheit

Wo die Christen sagen "es ist wahr, weil es passiert ist", da sagen die anderen "es ist passiert, weil es wahr ist".