Dienstag, 21. Februar 2017

Nachtgedanken: Gesellschaft und Arbeitsmarkt

Es muss unterschieden werden: Die Befristung von Arbeitsverträgen ohne Sachgrund und Zeitarbeit, d.h. Arbeitnehmerüberlassung ("Personalleasing", "Leiharbeit"), sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Beides ist per se nicht "ausbeuterisch", sondern es sind Modalitäten, um flexible Arten der (sozialversicherungspflichtigen) Beschäftigung vertraglich abzubilden. Das entspricht im ökonomischen Sinne durchaus der größer werdenden Individualisierung auf gesellschaftlicher Ebene: Dass man mit 17 in einen Beruf einsteigt, den man dann bis 67 macht, passiert nun einmal immer seltener. Es sind am Ende aber doch zwei wesentlich unterschiedliche Dinge.

Montag, 28. November 2016

Hermeneutik des Gebets

Es erscheint notwendig, sich klarzumachen, was das Gebet bedeutet. Und das ist eben kein Münzwurf in den Wunschbrunnen, kein Reiben der magischen Hasenpfote, kein Zerstäuben von Feenstaub etc. Es geht darum, im direkten Dialog mit Gott, mit den Engeln, mit den Heiligen, eine konkrete Situation, ein konkretes Ereignis, eine konkrete Sache in den ontologischen Gesamtzusammenhang zu stellen, das Unvollkommene - um mit Boethius zu sprechen - im Licht des Vollkommenen zu betrachten. Modulationen dieser Betrachtung liegen z.B. im klagenden, im lobenden, im beschreibenden, im bittenden Ton.

Mittwoch, 23. November 2016

"Paleys Uhrmacher" und das ethnologische Argument

Der sog. "indirekte Gottesbeweis" - damit ist vor allem "Paleys Uhrmacher" gemeint - ist eine relativ neu(zeitlich)e Erfindung, denn er setzt den mechanischen Kosmos etwa eines Isaac Newton voraus. In historischer Dimension ist er zudem nicht Vorläufer von, sondern Reaktion auf Aufklärung und Naturwissenschaft; dies aus einer bestimmten Ecke heraus, die vor Leibniz' Deismus - Gott als zureichender Grund, d.h. erste Formursache - so nicht (ernsthaft) denkbar war.

Montag, 21. November 2016

Zum faustischen Geiste

Faust erwacht im zweiten Teil des Dramas frisch gestärkt in der anmutigen Gegend, nachdem er das Kind (Ist über vierzehn Jahr doch alt!) mit derselben Hybris ins Verderben gestürzt hat, deretwegen ihn der Erdgeist weiland verstieß. Der Geist, den er begreift, wird indes im Prolog vom Herrn höchstselbst benannt: 

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.

Er ist es auch, der in der Hexenküche mit oben zitiertem Spott auf die Verknüpfung von Wort und Denken blickt, nachdem er bereits dem jungen Schüler in der Sprechstunde zugesetzt hat:

Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. 

Am Ende will der faustische Geist gar nicht denken, er will überhaupt nicht erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und so stirbt er im hohen Alter erblindet und mit Zufriedenheit, die er aus seiner Imagination schöpft, weil er die Lemuren-Totengräber für seine getreuen Arbeiter hält. Goethe präsentiert damit den umfassend gebildeten Renaissancemenschen nach seiner (Goethens) Façon. Ein geflügeltes Wort ließ die Soldaten "mit dem Faust im Tornister" in den ersten Weltkrieg ziehen, Oswald Spengler sprach von der "faustischen Kultur" im Herrenvolk, und Thomas Mann sah in der dramatischen Dynamik eine Entsprechung zur Verwicklung von deutschem Volk und Nationalsozialismus. 

Welchem Geist gleichen die Adepten dieser Diskussion, welchen Geist begreifen sie?

Freitag, 14. Oktober 2016

"Slaughtering children in the Bible": On interpreting Scripture

Of course, there is no way around the violent passages in Scripture. That's why the assertion that Christianity be a harmful ideology is a cheap cop-out: precisely because it avoids discussing these passages in favour of an already fixed point of view. Christian extremism/fundamentalism - and, by supporting it as "true" or "real" Christianity, radical antitheism - is dropping the fullness of Scripture. In this case: the fullness of understanding Scripture which is much more than just some naive literalism. Expanding on the critique of naive literalism: Not everything that's in the Bible is also taught by the Bible. Confusing the two, or even (as might be more often the case) dropping the latter, is avoiding the question of violence in the Bible in favour of an already fixed point of view. 

Montag, 26. September 2016

Nachtgedanken: Anarchismus

Freiheit ist ein ganz zentraler Begriff im Diskurs über "Anarchie". Gerade der russische Anarchismus hält mit seiner volja ein Verständnis hoch, das sich auch ganz bewusst von der "bürgerlichen" Freiheit (svoboda) unterscheidet und abgrenzt - und damit auch von der Freiheit als "Einsicht in die Notwendigkeit", wie sie vom orthodoxen Marxismus definiert wird: der "Freiheit des Untertanen" wird so die "Freiheit des Banditen" entgegengestellt. Prinzipiell erscheinen Anarchie und Religion vielleicht unvereinbar. Zumindest im protestantischen Westen. Wo der Landesherr als Notbischof das Kirchenregiment führt. Konkret wird diese Einschätzung allerdings gerade beim russischen Anarchismus und Sozialrevolutionismus problematisch. Im Gegensatz zur (zum) dezidiert antiklerikalen Sozialdemokratie (Kommunismus) war/ist dieser nämlich in der russisch-orthodoxen Volkskultur verankert. Nicht umsonst greift auch und gerade der russische Nihilismus ostkirchliche Denkstrukturen und -muster auf, schließlich stammt er aus der Kontroverse zwischen den "Slawophilen" und den "Westlern". Ganz zu schweigen davon, dass der anarchistisch-sozialrevolutionäre Terror im späten Zarenreich bewusst religiöse Motive aufgegriffen hat, um den Kampf gegen das Regime heilsgeschichtlich zu überhöhen: Der anarchistische Selbstmordattentäter trat auf als Büßer und Messias-Ersatz, und die durch und in und mit volja geeinte Gemeinschaft der Revolutionäre übernahm die Funktion der Heilsgemeinde.

Donnerstag, 22. September 2016

Nachtgedanken: Ästhetik und Gender

Die Frau als hübsch ausstaffierte Puppe wird für das gemocht, was sie ist. Der Mann als heroischer Siegertyp wird für das gemocht, was er tut. Das ist eine Abwertung des Mannes, der sich als Heros nur durch seine Taten rechtfertigt und in sich selbst keinen Grund trägt, warum man ihn mögen sollte - er muss diesen Grund extrinsisch erst erzeugen. Dem gegenüber trägt die Frau durch diese ästhetische Komponente den Grund dafür, warum sie gemocht wird, in sich selbst.

Wenn nun einseitig der weibliche Stereotyp abgeschafft werden soll, dann passt das in den allgemeinen kulturellen Desubstanziationsprozess, der dem Menschen keinen inhärenten Wert zusprechen mag. Denn so wird auch die Frau unter den Druck gestellt, ihren Wert extrinsisch erst einmal zu erzeugen.

Mittwoch, 3. August 2016

Zum Begriff der Schuld

Wäre Schuld etwas, das ausschließlich im schuldigen Subjekt geschieht, dann wäre das ganze Prinzip der Strafverfolgung absurd. Für einen Mord - um mal einen Extremfall als deutliches Beispiel heranzuziehen -kann man gerade deswegen belangt werden, weil eben unterstellt wird, dass Schuld in der Beziehung eines Subjekts zu seiner Mitwelt liegt (und zwar als Abweichung des Seins vom Sollen), und weil angenommen wird, dass ein Dritter sich in diese schuldhafte Beziehung stellen und Ausgleich schaffen kann (die gerichtliche Autorität). Niemand wird sich erfolgreich vor Gericht damit verteidigen können, dass er den Mord alleine mit sich selbst auszumachen habe, und dass der Staat oder die Angehörigen überhaupt kein Recht hätten, die Rolle des imaginierten Opfers oder die imaginierte Rolle des Opfers einzunehmen, da das Opfer ja schließlich tot und somit nicht mehr existent sei.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Mittwoch, 20. Juli 2016

Libertärer Ikonoklasmus: Anarchismus und Minarchismus

 Es lässt sich klassifizieren:

  • Wirtschaft beschreibt einen Bereich - ein Netzwerk - von zwischenmenschlichen Beziehungen; und zwar diejenigen Beziehungen, die sich an den Interessen des Einzelnen ausrichten. 
  • Politik beschreibt ein Netzwerk für die Interessen der Gemeinschaft.
  • Gesellschaft beschreibt ein Netzwerk jenseits von Interessen. 
  • Recht hat eher einen rein instrumentellen Charakter als Maßstab zur normativen Gestaltung dieser Netzwerke. Es setzt diese Netzwerke also voraus und steht ihnen nicht gegenüber. "Anarchie" (Herrschaftslosigkeit) heißt nicht "Anomie" (Gesetzlosigkeit), und darum kann "Recht" auch ohne Zwang existieren. 
  • Staat wiederum ist das Aggregat aus Staatsvolk, Staatsregierung und Staatsgebiet; und als solches fasst er die verschiedenen Netzwerke mit je konkret ausgestalteter Rechtsordnung zusammen.