Donnerstag, 22. Juni 2017

Über den Zweck von Religion

Der Zweck von Religion als historischem Phänomen liegt - analog zu den historischen Phänomenen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur - in der Verarbeitung der menschlichen Kontingenzerfahrung: In der Wirtschaft geschieht das über die Allokation von Gütern, in der Gesellschaft über soziales Handeln, in der Politik über die Beantwortung gemeinschaftlicher Fragen und in der Kultur über die Herstellung von Artefakten. In der Religion vollzieht es sich über den Bezug auf ein Unverfügbares, ein Absolutum.

Es sind dies (die) fünf Grundvollzüge menschlicher Geschichtlichkeit, und sie lassen sich einerseits jeweils nicht aufeinander reduzieren, andererseits aber auch nicht strikt voneinander trennen - wohl lassen sie sich aber aufeinander bezogen voneinander unterscheiden. Zudem hängen sie prozesshaft miteinander zusammen: Das Unverfügbare findet der Einzelne immer schon vor, und sein Handeln resultiert in einem Artefakt. 

So viel zum deskriptiv darstellbaren Zweck der Religion. Daneben lässt sich natürlich auch noch ein normativer Zweck identifizieren:

Montag, 5. Juni 2017

Das Drama der menschlichen Todesfurcht


Der Abendländer kennt ein Bonmot, das Chilon von Sparta, einem der sieben Weisen des alten Griechenland, zugeschrieben wird:

De mortuis nil nisi bene
- "Über die Toten nur (wörtl.: nichts, wenn nicht) Gutes"

Zugleich ist der Abendländer natürlich des römischen Rechts eingedenk, in dem sich der Grundsatz findet:

Audiatur et altera pars
- "Auch die andere Seite soll gehört werden"

In der Gegenüberstellung beider Sentenzen steckt nun das ganze Drama der menschlichen Todesfurcht:

Donnerstag, 20. April 2017

Utrum haeretici sint tolerandi (STh II-2 Q.11 a.3): Sollen Häretiker geduldet werden?

Die Frage Utrum haeretici sint tolerandi - Ob Häretiker geduldet werden sollen? - finden wir bei Thomas von Aquin in seiner Summe der Theologie Teil II-2 Quaestion 11 Artikel 3. Ein kurzer Abriss ohne den Anspruch einer Übersetzung, sondern mehr den einer Zusammenfassung:

Donnerstag, 13. April 2017

Der Gott der Philosophen

Gott soll einem, um ein volkstümliches Bonmot aufzugreifen, gar nichts abnehmen, sondern viel mehr die Schultern stärken. Hier sehe ich ein grundlegendes Missverständnis in der Debatte überhaupt: Es wird oftmals eine Erwartungshaltung an den Diskurs getragen, die - wenn überhaupt - nur von Teilgruppierungen aus der evangelikalen, fundamentalistischen oder kreationistischen Ecke erfüllt wird. So wird vom Speziellen fälschlich auf das Allgemeine geschlossen, und der Palaver ist da.

Dienstag, 21. Februar 2017

Nachtgedanken: Gesellschaft und Arbeitsmarkt

Es muss unterschieden werden: Die Befristung von Arbeitsverträgen ohne Sachgrund und Zeitarbeit, d.h. Arbeitnehmerüberlassung ("Personalleasing", "Leiharbeit"), sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Beides ist per se nicht "ausbeuterisch", sondern es sind Modalitäten, um flexible Arten der (sozialversicherungspflichtigen) Beschäftigung vertraglich abzubilden. Das entspricht im ökonomischen Sinne durchaus der größer werdenden Individualisierung auf gesellschaftlicher Ebene: Dass man mit 17 in einen Beruf einsteigt, den man dann bis 67 macht, passiert nun einmal immer seltener. Es sind am Ende aber doch zwei wesentlich unterschiedliche Dinge.

Montag, 28. November 2016

Hermeneutik des Gebets

Es erscheint notwendig, sich klarzumachen, was das Gebet bedeutet. Und das ist eben kein Münzwurf in den Wunschbrunnen, kein Reiben der magischen Hasenpfote, kein Zerstäuben von Feenstaub etc. Es geht darum, im direkten Dialog mit Gott, mit den Engeln, mit den Heiligen, eine konkrete Situation, ein konkretes Ereignis, eine konkrete Sache in den ontologischen Gesamtzusammenhang zu stellen, das Unvollkommene - um mit Boethius zu sprechen - im Licht des Vollkommenen zu betrachten. Modulationen dieser Betrachtung liegen z.B. im klagenden, im lobenden, im beschreibenden, im bittenden Ton.

Mittwoch, 23. November 2016

"Paleys Uhrmacher" und das ethnologische Argument

Der sog. "indirekte Gottesbeweis" - damit ist vor allem "Paleys Uhrmacher" gemeint - ist eine relativ neu(zeitlich)e Erfindung, denn er setzt den mechanischen Kosmos etwa eines Isaac Newton voraus. In historischer Dimension ist er zudem nicht Vorläufer von, sondern Reaktion auf Aufklärung und Naturwissenschaft; dies aus einer bestimmten Ecke heraus, die vor Leibniz' Deismus - Gott als zureichender Grund, d.h. erste Formursache - so nicht (ernsthaft) denkbar war.

Montag, 21. November 2016

Zum faustischen Geiste

Faust erwacht im zweiten Teil des Dramas frisch gestärkt in der anmutigen Gegend, nachdem er das Kind (Ist über vierzehn Jahr doch alt!) mit derselben Hybris ins Verderben gestürzt hat, deretwegen ihn der Erdgeist weiland verstieß. Der Geist, den er begreift, wird indes im Prolog vom Herrn höchstselbst benannt: 

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.

Er ist es auch, der in der Hexenküche mit oben zitiertem Spott auf die Verknüpfung von Wort und Denken blickt, nachdem er bereits dem jungen Schüler in der Sprechstunde zugesetzt hat:

Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. 

Am Ende will der faustische Geist gar nicht denken, er will überhaupt nicht erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und so stirbt er im hohen Alter erblindet und mit Zufriedenheit, die er aus seiner Imagination schöpft, weil er die Lemuren-Totengräber für seine getreuen Arbeiter hält. Goethe präsentiert damit den umfassend gebildeten Renaissancemenschen nach seiner (Goethens) Façon. Ein geflügeltes Wort ließ die Soldaten "mit dem Faust im Tornister" in den ersten Weltkrieg ziehen, Oswald Spengler sprach von der "faustischen Kultur" im Herrenvolk, und Thomas Mann sah in der dramatischen Dynamik eine Entsprechung zur Verwicklung von deutschem Volk und Nationalsozialismus. 

Welchem Geist gleichen die Adepten dieser Diskussion, welchen Geist begreifen sie?

Freitag, 14. Oktober 2016

"Slaughtering children in the Bible": On interpreting Scripture

Of course, there is no way around the violent passages in Scripture. That's why the assertion that Christianity be a harmful ideology is a cheap cop-out: precisely because it avoids discussing these passages in favour of an already fixed point of view. Christian extremism/fundamentalism - and, by supporting it as "true" or "real" Christianity, radical antitheism - is dropping the fullness of Scripture. In this case: the fullness of understanding Scripture which is much more than just some naive literalism. Expanding on the critique of naive literalism: Not everything that's in the Bible is also taught by the Bible. Confusing the two, or even (as might be more often the case) dropping the latter, is avoiding the question of violence in the Bible in favour of an already fixed point of view.